Spiritualität ist insbesondere in den sozialen Medien zu einem Trend geworden: Begriffe wie „WitchTok“, „Reiki“ oder „Kartenlegen“ werden viel und gerne gesucht und haben inzwischen mehrere zehn Milliarden Aufrufe erreicht. Bei TikTok, Instagram, YouTube sind jedwede Themen zu Spiritualität gefragter denn je, so kommt der Hashtag #witchtok auf über 30+ Milliarden Aufrufe auf TikTok, der Hashtag #reiki auf mehrere Milliarden Aufrufe und der Hashtag #tarot auf ebenfalls mehrere Milliarden Aufrufe.
Angefangen hatte alles in der Coronapandemie, als soziale Kontakte unterbunden wurden und die Menschen in ihren Wohnungen und Häusern bleiben mussten auf Grund von Ausgangssperren und Kontaktverboten. Das Ergebnis war ein Boom der Reiki-Videos.
Zur Erklärung: Reiki beschreibt eine fernöstliche Methodik der Energiearbeit. Sog. Reiki-Meister behandeln ihre Patienten in Anlehnung an die Energiezentren und Chakren des Körpers – kann die Energie wieder gleichmäßig durch den Körper fließen, können Blockaden gelöst werden. So die These.
Reiki kann im Vergleich zu herkömmlichen Methoden der Blockadenlösung über Zeit und Raum hinweg funktionieren. Das bedeutet, eine Übertragung über einen Bildschirm soll die Wirkung nicht einschränken.
Eine Lösung für viele, die gezwungen waren, ihre sozialen Beziehungen einzustellen, denn eine Reiki-Behandlung per Video ist geprägt von persönlicher Ansprache, beruhigender Musik und Worten (z.B. positiven Affirmationen), angenehmen Handbewegungen und teilweise auch mit einem deutlichen Heilversprechen: Reiki gegen Migräne, Reiki für sofortiges Glück, Reiki für einen plötzlichen Geldsegen, Reiki um Flüche zu lösen etc.
Kurzum: Ein Ersatz für (positive) soziale Kontakte mit einem deutlichen Lösungsvorschlag für JEDES Problem. Der Konsument weiß: „Hier kümmert sich jemand um mich.“
Die Heilversprechen, die über die sozialen Medien von verschiedenen Creatorn angeboten werden, sind über die Jahre gewachsen. Sparten, die die mythischen Aspekte von Magie und Okkultem betrachten, sind längst keine Nischen mehr, sondern Mainstream geworden. Magie, schwarzmagische Arbeit, Praktiken wie Kartenlegen oder Wahrsagen, Rituale mit Göttern und Göttinnen – die Liste ist endlos, wobei bestimmte Praktiken wie „Cord Cutting“ oder „Geldblockaden“ lösen, durchaus am beliebtesten sind.
Es macht vor allen Dingen deutlich: Die Menschen beschäftigen sich mehr denn je mit großen Sinnfragen, und: Sie wollen Antworten.
Die Frage nach dem Sinn des Lebens, sie ist nach wie vor da, aber komplexer und vielschichtiger geworden. Es reicht längst nicht mehr die großen Parameter des Lebens abzuhaken (Arbeit – Einkommen – Eigentum – Ehe/Familie). Die Menschen sind mit einer fragilen Weltstruktur konfrontiert, mit persönlichen Tragödien, mit realen Existenzängsten – es kann keine einfache Antwort mehr auf die vielen offenen Fragen geben. Und: Ausgehend von veränderten gesellschaftlichen, kulturellen, familiären und politischen Bedingungen verlieren die Menschen ihren Halt. Es gibt keine Orientierung im Außen mehr.
Wo die Orientierung fehlt, wo der Mensch ins Schwanken gerät, wird es immer schnelle Lösungsvorschläge geben, die viel versprechen und teuer zu bezahlen sind. So liegen Einzel-Sessions (z. B. für Tarot, Energy Healing, Reiki) oft bei 50–300+ Dollar pro Stunde.Über die sozialen Medien wird dann schnell vergessen, dass die alltäglichen Geldprobleme nicht mit einer Reiki-Fernsitzung oder mit Ritualen der „Auflösung generationsübergreifender Flüche“ gelöst werden können.
Sind die wahrgenommenen Sorgen doch durchaus real und deshalb nur auf einer reellen Ebene zu lösen: abhängig von der eigenen sozioökonomischen Position, dem sozialen Umfeld, dem mentalen/gesundheitlichen Zustand und der wirtschaftlichen Ausgangslage. Das sind Themen, die sich nicht innerhalb von fünf Minuten oder einer halbstündigen Sitzung für mehrere 100 Dollar lösen lassen, aber sie werden in Anspruch genommen, weil sie etwas vermitteln können, das kaum noch im Alltag des Individuums zu finden ist: Jemanden, der sich ehrlich um einen kümmert.

Diese Angebote vermitteln ein „gutes Gefühl“, ein positives Verständnis, ein Ankommen in einer undurchsichtigen Welt. Es sind Emotionen, die verkauft werden: Nähe, Hoffnung, Kontrolle. Und sie lösen vor allen Dingen eines: Die akute Einsamkeit des Einzelnen.
So geben in den USA rund 1 von 2 Erwachsenen an, sich regelmäßig einsam zu fühlen. Es ist also nicht nur die Frage nach der Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz. Es ist ein Reichen der Hand, ein Versprechen, das hier angeboten wird und es ist so simpel, wie auch tröstend.
Das eigentliche Produkt ist nicht Spiritualität – sondern die Regulierung von innerem Schmerz, das Lindern einer alltäglichen Einsamkeit, einer permanent wahrgenommenen Überforderung des Individuums, ein Entgegenwirken eines zunehmenden Kontrollverlustes in einer chaotischen Welt.
Denn wenn Spiritualität zur Ware wird, zu einem Konsumgut, verspricht sie stets eines: Alles wird gut.



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