Dieser Text ist kein Bericht, keine Recherche und keine Beweisführung.
Es sind Eindrücke, die ich in meiner spirituellen Arbeit empfangen habe – als Anteilnahme an einem Schicksal, das viele Menschen tief berührt hat.
Tristan war ein großartiger Junge. Er war freundlich und gutherzig, hatte ein großes Herz für Tiere und konnte sich mit echter Hingabe ihrer annehmen.
Obwohl er erst 13 Jahre alt war als er starb, trug er, für ein Kind, eine ungewöhnliche Ernsthaftigkeit in sich, die sich in seiner Trauer um seine verstorbene Mutter gründet. Ihr Tod hat eine unglaubliche Schwere und Last in sein Leben gerissen, die ihn schnell hat „erwachsen“ werden lassen. Zu viel Trauer für so ein kleines Herz.
Sein Vater und vor allen Dingen seine Großmutter waren seine Ankerpunkte im Leben. Nur bei ihnen konnte er so sein, wie er wirklich war: noch ein Kind.
Insbesondere seine Großmutter konnte ihm die fehlende mütterliche Liebe schenken – bei ihr konnte er wieder eine gewisse Leichtigkeit spüren und einfach „Kind sein“. Wenn er es sich selbst erlauben konnte, war er lustig und albern, schlagfertig und fröhlich.
Doch das waren Momentaufnahmen, die von seinem „schweren“ Alltag abgelöst wurden. Hier war er oft ernst, nur mit wenigen Freunden redete er gerne. Sein Vater hat versucht ihn aufzufangen, war aber mit seiner eigenen Trauer beschäftigt, um die seines Sohnes deutlich zu erkennen. Tristan wollte ihm nicht zur Last fallen, weshalb er seine Gefühle für sich behielt.
An diesem furchtbaren Tag im März kamen zu viele unabhängige Ereignisse zusammen und sollten in einer Katastrophe münden.
Es war kein schöner Tag, die Sonne zeigte sich nur bei Zeiten am Himmel. Es war bewölkt. Tristan wollte nicht zur Schule. Er suchte sich einen Platz im Park, wo er einer netten Frau mit ihrem Hund begegnete, diesen streichelte und sich kurz mit ihr unterhielt. Er wollte ein wenig die Zeit totschlagen.
Als es anfing zu tröpfeln ging er in Richtung einer Unterführung. Inzwischen waren keine anderen Menschen mehr im Park unterwegs. Es war schließlich März und kein schönes Wetter.
In der Unterführung selbst hatte sich ein Mann niedergelassen – vielleicht hatte auch er ursprünglich Schutz vor dem aufkommenden Regen gesucht. Er hatte sein Hab und Gut auf einer großen schwarzen Decke (oder einem Mantel) ausgebreitet. Es war ein Obdachloser. Tristan bemerkte ihn am anderen Ende des Tunnels und vernahm auch, wie sich dieser mit sich selbst unterhielt. Er redete offensichtlich wirr und aggressiv mit sich, fuchtelte wild in der Luft herum.
Tristan traf die Entscheidung an ihm vorbei zu gehen. Zunächst passierte nichts – war Tristan schon fast an ihm vorbeigelaufen – als er plötzlich mit einem Ruck nach hinten gerissen wurde. Der Mann hatte seinen Rucksack von hinten gepackt und ihn so umgerissen. In dem Moment wo Tristan bemerkte, dass der Fremde nach ihm greift, schießt ihm nur der Gedanke durch den Kopf, das dies wieder ein Überfall ist. Er befürchtet schon wieder ausgeraubt zu werden (Sein Gameboy oder ein Spiel wurde ihm zuvor von anderen Kindern weggenommen.)
Doch folgen bald Tritte und Schläge und er wird gegen die Mauer und den Pflasterstein geschleudert bis er das Bewusstsein verliert. Es passieren unvorstellbare Dinge und Tristan stirbt.
Der Mann war ein Obdachloser mit schweren psychischen Störungen. Zum Tatzeitpunkt hatte er einen starken wahnhaften Schub, der ihn glauben ließ, er kämpfe gegen Dämonen und nicht gegen ein Kind. Er befand sich in einem absoluten Wahn. Möglicherweise wurden diese Schübe auch durch Drogenmissbrauch ausgelöst. Ausschlaggebend waren seine psychotischen Episoden, gegen die er Medikamente erhielt. Denn obwohl er keinen festen Wohnsitz hatte (zumindest nicht im Raum Frankfurt) hatte er Zugriff auf die für ihn richtigen Medikamente und hatte zumindest zeitweise ärztliche Betreuung. Sein Bewusstseinszustand wurde von den Medikamenten bestimmt. An diesem Tag nahm er keine.
Seine Tatwaffe nahm er mit und einen Teil des belastenden Materials vergrub er, während er den anderen Teil in öffentlichen Mülltonnen entsorgte. Da er ein Obdachloser war, achtete niemand auf ihn. Da er auch noch offensichtlich verwirrt und aggressiv war, wollte auch niemand auf ihn achten.
Über die Jahre hat er die Tat teilweise vergessen, abhängig von seinem Geisteszustand. Tatsächlich hat er mit jemandem über die Tat geredet, aber innerhalb seines Milieus, sodass hier kein Impuls bestand, die Informationen weiterzugeben.
Eine Zeugin sah ihn auch nach der Tat die Unterführung verlassen. Es handelte sich um eine ältere Frau, die zu dem Zeitpunkt auf ihrem Balkon war. Von dort aus konnte sie den Mann sehen, hat es aber nicht der Polizei gemeldet. Sie ist inzwischen verstorben, hat dies aber einem ihr nahestehenden Verwandten erzählt.
Ein Eindruck ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Während der Visionen hörte ich ständig das monotone Tröpfeln von Wasser. Das kann nun der Örtlichkeit geschuldet sein oder aber die Andeutung von Regen gewesen sein. Dass niemand mehr im öffentlichen Park war und die scheinbar einzigen beiden anwesenden Personen sich zu dem einzigen überdachten Bereich begaben, lässt mich ebenfalls glauben, dass es auch ein aufkommender Regenschauer gewesen sein könnte, der sich aber entweder nicht einstellte oder schnell verzog.
Dieses Verbrechen hat in seiner Brutalität und Sinnlosigkeit ganz Deutschland erschüttert. Trotzdem ist es nie gelungen den Täter zu finden.
Tristan war ein Kind als er ermordet wurde. Dieses abscheuliche Verbrechen hat nicht nur ihn aus dem Leben gerissen, sondern auch das Leben seiner Familie zerstört. Der Schmerz, die Trauer, über solch eine extreme Gewalttat sollten ihr Leben lang bei seinen Lieben anhalten.
Wir vergessen, dass es Menschen gibt, wie die Familie, deren Leben nie wieder so sein wird wie vorher. Ein Unrecht, das in diesem Leben niemals gesühnt werden kann.
Etwas, das er mich noch wissen lassen wollte, war, sich bei seinem Vater zu entschuldigen. Er meinte, wäre er nicht an diesem Tag dort gewesen, wäre das nie passiert. Natürlich war es in keinster Weise seine Schuld – aber so muss es sich für ihn angefühlt haben.
Ein Mörder, der sein Leben lang mit der Tat leben konnte.
Ein Kind, das ermordet wird. Und sich doch schuldig fühlt.
Die oben genannten Schilderungen sind keine Tatsachen oder Fakten. Es sind Eindrücke, die ich erhalten habe, mit – auch für mich – überraschenden Details. Diese Beiträge sollen kein Fingerzeig sein oder reine Besserwisserei. Es ist vielmehr der Versuch, etwas zu verstehen, das nicht verstanden werden kann. Es ist der Versuch, in absoluter Dunkelheit so etwas wie ein kleines Licht erleuchten zu lassen. Es ist der Versuch, eine Wahrheit zu finden, wo nur Schweigen erlaubt ist.




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